Some More
Nov. 2001
Keine leichte Aufgabe, seine ‘Biographie’ zu schreiben. Ehrlich gesagt, denke ich dabei immer an dicke Bücher über unglaublich wichtige Menschen, die schon tot sind, oder es zumindest bald sein werden. Ungefähr genauso endgültig wie eine Auszeichnung fürs ‘Lebenswerk’. Aber nachdem ich eine Weile überlegt habe, sind mir einige Episoden eingefallen, die für mich sehr wichtig waren und die mich in die Lage gebracht haben, hier jetzt schreiben zu können.
Meine Mutter erzählt immer, ich hätte mit zwei Jahren das erste Mal auf der Bühne gestanden. Es muss in Italien gewesen sein, während einer Tournee der Band meines Vaters. Es war spät, meine Schwester und ich mussten ins Bett und ich weigerte mich, zu gehen, ohne meinem Vater einen Gute-Nacht-Kuss gegeben zu haben. Der saß hinter seinem Schlagzeug und ich musste dafür auf die Bühne, das störte mich kein bisschen. Ich gab ihm brav seinen Kuss, dann nahm ich mir zwei Maracas aus seinem Koffer, stellte mich neben den Sänger und spielte mit. Den Beifall des Publikums soll ich sehr genossen haben und meine Mutter musste mich von der Bühne tragen. Im Kindergarten lernte ich dann singen. Mangels Bühne demonstrierte ich den Nachbarn den neuesten Song auf einem Stuhl stehend. In der Schule schienen alle nur wahrzunehmen, dass ich rhythmisch begabt bin. Sogar im Schulchor erklärte der Dirigent, als ich einmal das Tamburin schlagen sollte - und prompt alles aus dem Ruder lief -, ich hätte den Groove gehalten, alle anderen wären aus dem Takt gekommen (120 Sänger).). Eine Leistung, von der ich damals dachte, ich hätte sie meinem Vater zu verdanken. Egal, ich wollte lieber singen.
Musik war immer eine Faszination - einfach alles. Naja, vielleicht mit Ausnahme der Jazz-Platten zuhause. Diese Musik überforderte
mich als Kind. Mein Vater versuchte, uns Kindern die Grundzüge des Schlagzeugs beizubringen, aber wir lernten es nie besonders gut. Meine jüngere Schwester kam wohl am weitesten. Mein Wunsch war, Klavier spielen zu lernen,
als sich das als unmöglich herausstellte, Querflöte. Auch dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Zum Singen brauchte ich kein Instrument.
Meine jüngere Schwester war zur selben Zeit mit mir im Schulchor.
Während der Ferien saßen wir in Den Haag auf einem Rasen und sangen 'Ave, Ave', ein Kirchenlied, sie Sopran, ich Alt. Wir schlossen unsere Augen und ließen uns in den Klang der Harmonie tragen. Eine alte Dame
kam vorbei und lobte uns, weil wir sangen, während andere Jugendliche rebellierten. In dem Augenblick war mir einfach nicht klar, was daran so außergewöhnlich war.
Meine musikalischen 'Wurzeln' erstaunen alle, die mich danach fragen.
Ich war sieben und unsterblich in Björn
Ulvaeus (ABBA) verliebt. Jede Wette, dass ich Englisch deshalb so schnell gelernt habe, weil ich 'Does Your Mother Know' verstehen wollte. Mit dreizehn entdeckte ich mit dem Album 'Bridge Over Troubled
Water’ die musikalische Liebe meines Lebens: Paul Simon. Anfangs Simon & Garfunkel, später nur Paul. Im Gegensatz zu den Stücken, die ich täglich im Radio hörte, war da plötzlich jemand, der den Gesang
nutzte - nicht nur als Instrument, sondern um zu erzählen. Die Poesie seiner Texte und die Tiefe der Gefühle, die er ausdrückt, waren etwas, das mich tief bewegte. Zum ersten Mal erkannte ich, dass man einen
Menschen kennen kann, den man nie treffen wird. Ich fühlte mich, als hätte ich allein ihn verstanden und ich wünschte mir, meine Welt genauso beschreiben zu können, dass andere mich verstehen konnten. Ich begann,
Gedichte zu schreiben.
Das Familienleben wurde derweil von anderen musikalischen Klängen begleitet: Miriam Makeba (ich kann noch heute afrikanisch
singen, ohne die genaue Bedeutung zu kennen), Elton John (I Guess That's Why They Call It The Blues' hat mich zum Weinen gebracht), Michael Jackson, Stevie Wonder und unzählige Vinyl-Singles aus der Jugend
meiner Eltern von Dionne Warwick ('Walk On By'), The Edwin Hawkins Singers ('O, Happy Day, ‘I Believe’) bis Joe Cocker (‘A Little Help From My Friends’) und viele, viele
mehr.
Obwohl mein Vater kein hauptberuflicher Musiker mehr war, gab es ständig Konzerte, wo er, oder Musiker aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern spielten. Es gab Abende mit mehreren Gitarren und alle
sangen. Mein Held war Jürgen Waidele, Sänger, Pianist und Komponist aus Konstanz. Von ihm habe ich die ersten Töne auf dem Klavier gelernt und er schenkte mir meine erste (einzige) Gitarre. Mit fünfzehn erkannte
ich, dass ich so leben wollte wie er. Als ich vor einigen Jahren die Gelegenheit hatte, mit ihm einige Konzerte zu geben, ging ein Traum in Erfüllung.
Die Erkenntnis, was Singen für mich bedeutet, kam mir
in einer sehr schwierigen Zeit. Alles um mich herum schien zusammenzubrechen, es war nur meine Stimme, die blieb - anders kann ich es nicht beschreiben. Inzwischen habe ich dieses Phänomen von vielen Sängern und
Sängerinnen bestätigt bekommen. Singen hat heilende Kräfte und nie spürt man das deutlicher, als wenn man sie gerade selbst braucht.
Ungefähr zu dieser Zeit bekam ich auch die erste wunderbare Bestätigung, dass ich nicht
nur für mich viel mit meiner Stimme bewegen konnte. Gemeinsam mit einem Freund war ich in Amsterdam als Straßenmusiker unterwegs. Der Frühling begann ernsthaft warm zu werden und überall saßen Menschen aus aller
Welt in der Sonne. Ich sang ‘Me and Bobby Mc Gee’ auf dem Rathausplatz - ein Song, der in dem Augenblick mein Leben in zwei Strophen beschrieb. Vor mir stand ein französisches Mädchen und brach in
Tränen aus - sie strahlte mich gleichzeitig an. ‘You should not be here. You should sing on big stages’. Ich weiß nicht, ob ich gerührter war von ihrem Vertrauen in meine Stimme, oder von meiner Fähigkeit,
diese Emotion geweckt zu haben. Ich glaube, es war Letzteres.
Als ich zum ersten Mal Janis Joplin hörte, war es wie ein Großbrand. Ich saß bei einem Freund im Auto und musste das Fenster runterkurbeln, weil sie
mir buchstäblich die Luft nahm! So etwas hatte ich noch nie gehört. Diese Frau brauchte keinen Text, um zu sagen was sie fühlte. Sie sang und alles war da. Sie hätte auch japanisch singen können, ich hätte sie
verstanden. Vielleicht, weil ich eine Art Verwandtschaft zwischen uns fühlte, formte sich in mir allmählich der Entschluss, dass Singen das war, was ich tun wollte.
Also nahm ich einige Jahre privaten Gesangsunterricht. Ich machte erste Versuche in Bands. - Was das bedeutet, werden alle Musiker unter Euch wissen. Unglaublich verrauchte Proberäume in Kellern, Bierkisten - und mangels Gesangsanlage wird das Mikro an den Marshall Gitarren-Verstärker angeschlossen. Wer erfahren hat, wie seine Stimme mit diesem Sound klingt, kann von keinem schlechten Bühnensound mehr erschlagen werden. Stücke werden in der Tonart gespielt, die für den Gitarristen am bequemsten ist. Schlagzeuger die einen nie hören konnten ... etc. Eine interessante und lehrreiche Zeit und ich habe sehr, sehr nette Menschen kennengelernt.
1993 traf ich Frank. Ein glücklicher Umstand, wie er nur selten im Leben passiert. Meine Mitmusiker waren bis dahin oft nur
'auf der Durchreise’. Musik war für sie Hobby, während ich gerade feststellte, dass es mein Leben zur Musik zog. Frank hatte sein Studium - Wirtschaft - in der Absicht abgeschlossen, seine Kenntnisse für
die Musik einzusetzen. Ein Entschluss, den ich sehr bewundere. Von Anfang an waren wir sowohl ein Paar als auch ein Team, das gemeinsam an musikalischen Visionen arbeitete. Sein unglaubliches Vertrauen in meine
Stimme und sein fester Glaube an meinen Erfolg waren absolut neu für mich. Wie viele andere Künstler wurde auch ich zu oft mit Zweifeln aus engster Umgebung konfrontiert. Zusammen mit Frank lernte ich, wie wichtig
Vertrauen in die eigene Arbeit ist. Anfangs produzierten wir nur gelegentlich, auswärts, später im eigenen Studio. Wir entschieden uns irgendwann, dieses seltsame Leben mit all seinen Konsequenzen zu leben. Wir
werden oft gefragt, ob wir nicht heiraten wollen - unser Beruf ist das Band, das durch nichts verstärkt werden kann. Ob wir keine Kinder wollen - eigene Kinder würden andere Prioritäten in unser Leben bringen.
Viele
Ideen, viele Anstöße kommen von Frank und werden von uns gemeinsam entwickelt. Es ist sehr wichtig für mich, mit einem Partner zu arbeiten, der mich teilweise besser kennt als ich selbst. Der mich anspornt, den
Schritt zu gehen, den ich selbst nicht für möglich gehalten hätte.
'Mysterious Blues’ war nicht der Name eines Duos, sondern der eines Programms. Ein festes Duo gab es anfangs nicht, sondern eine Auswahl an Songs, die ich seit Jahren singen wollte. Somit wurde 'Mysterious Blues’ mein Einstieg in die musikalische Eigenständigkeit. Es war höchste Zeit, mich von den musikalischen Vorstellungen anderer zu lösen und zu 'meinen Songs’ zu finden. Erstaunlich, wie viele das mit der Zeit wurden. Durch die Duo-Besetzung bekamen die Songs von Anfang an eine eigene Färbung. Und ich lernte meine Stimme kennen, besser als je zuvor, denn sie war schließlich die halbe Band. Für das Duo arbeitete ich mit vielen Pianisten - eine feste Besetzung gab es nicht. Anfangs war das sehr anstrengend, denn mit jedem neuen Musiker veränderten sich die Songs. Heute bin ich dankbar dafür, denn die Fähigkeit, zu interpretieren setzt verschiedene Perspektiven voraus. Und durch meine unterschiedlichen Pianisten (aus Klassik, Jazz und Blues) bekam ich viele Interpretationen und erkannte den Reichtum eines einzelnen Songs. Heute spiele ich bei den Proben gerne ein Stück in unterschiedlichen Stilen an, um herauszufinden, wie es von uns gespielt werden will.
Ein Meilenstein in meinem Leben waren die Wayside-Baptisten. Seit langem ein Gospel-Fan, aber in Deutschland leider etwas ‘abseits’, nahm ich dankbar eine Einladung nach New York (genauer Brooklyn) an, um dort einen Monat lang mit den Chören der Wayside-Baptist-Church zu proben und aufzutreten. Es war für mich das größte Glück, mit Menschen zu arbeiten, die mir ähnlich sind, indem sie in ihrer Musik nach dem direkten Weg aus dem Herzen in die Stimme suchen. ‘His Eye Is On The Sparrow’ singe ich bis heute für diese wundervollen Menschen.
Als wir ‘With Love’ aufnahmen, hatten wir eigentlich eine Promotion-CD im Sinn. Während der
Produktion passierte dann das, was unsere Arbeit oft kennzeichnet: wir verloren uns in der Musik. Mit so viel Hingabe wurde sicher noch keine Promo-CD produziert. ‘My Funny Valentine’ ist für mich die
Essenz.
‘With Love’ wurde von Leuten, die von der Produktion wussten, Wochen im voraus bestellt, was uns dazu veranlasste, das Baby mit einer Release-Party zu feiern. Der Name war richtig gewählt,
die Liebe, die wir hineingegeben hatten, erreichte die Herzen der Hörer und kam zu uns zurück. Mails, Briefe, Karten, Konzertanfragen und in den Läden kauften Leute direkt mehrere CD’s zum Verschenken.
Daniel
Kosmalski, der Pianist der CD, wohnt leider viel zu weit von mir entfernt. Umso mehr freue ich mich, in Martin Speight und Michael Mikolaschek
gleich zwei Musiker gefunden zu haben, die als hervorragende Pianisten unsere Duo-Arbeit fortsetzen.
Immer habe ich mich gerne von Sängern inspirieren lassen, die in derselben Musik wie ich
zuhause sind. Umso schöner, mit diesen Menschen persönlich arbeiten zu können. In Patti Cathcart (Tuck & Patti) fand ich nicht nur einen warmherzigen Coach, sondern eine verwandte Seele.
Da wir einander kurz nach den
Anschlägen des 11. September kennenlernten, sprachen wir viel über Frieden und unsere Aufgabe, als Künstler dazu beizutragen. Es ist ein gutes Gefühl, überall auf der Welt Menschen mit derselben Liebe für diese Ziele zu
wissen. Patti wird mich in Gedanken immer begleiten und eine wunderbare Freundin bleiben.
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2005 lernte ich eine erstklassige a-cappella Gruppe durch einen gemeinsamen Workshop in Hannover kennen.
Naturally 7’. Das sind sieben begnadete Sänger, die in Deutschland besondere durch Ihren Chartserfolg mit Sarah Connor
bekannt wurden. Inspiration und Freude pur! Vielen Dank nochmals für alles.
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Love
Simon
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